Verloren im Aldi

 

Süchte und wie man sie loswerden kann

 

Ich kenne eine Frau deren grösstes Problem darin besteht, dass sie einen Supermarkt kaum mehr verlassen kann, nachdem sie ihn betreten hat. Sie muss unbedingt das gesamte Angebot ansehen, betrachten, Produktbeschreibungen lesen, Preise vergleichen, die Waren genauer anschauen, weglegen, wieder in die Hand nehmen, hin und her drehen.... Sie kann Stunden darin verbringen und kommt dann ganz erschlagen wieder heraus, irgendwie frustriert, weil sie doch nicht gefunden hat, was sie suchte oder es war zu teuer oder es hatte irgendeinen Haken, war von einem giftigen Stoff belastet, oder zu gross oder zu klein...

Das Problem ist aber nicht damit behoben, dass sie zu Hause bleibt und Tee trinkt.

Denn zu Hause lauert der Computer und in diesem die grösste Verkaufsshow der Welt, in der man sich genau so verlieren kann wie im Aldi.

Ich kenne eine Christen, der raucht und das Rauchen nicht los werden kann. „Die Dämonen sind zu stark“, sagt er.

Ich kenne einen Mann, ebenfalls einen Christen, der seit seiner Kindheit von Pornografie besessen ist. Er kämpft dagegen an, aber immer wieder zieht es ihn in diese dunkle Welt. Sobald er auf einer der Pornoseiten gelandet ist, kommt er nicht mehr heraus, es zieht ihn weiter zu anderen Seiten, ein ganzes Labyrinth tut sich auf, unendliche Spiegelgänge, immer auf der Suche nach der höchsten Erregung, die sich nicht einzustellen scheint oder wenn, dann so schnell wieder verklungen ist, so dass er weiter sucht, immer etwas Neues will er sehen, alte Bilder, die er schon kennt, langweilen ihn schnell, nur das Neue bringt den Nervenkitzel.

 

 

 

Wenn er endlich wieder herauskommt, fühlt er sich als habe er ein Gefängnis verlassen, er atmet auf, aber ein Rumoren im Unterleib wühlt ihn auf....Und das nächste Pornobild ist nur einen Klick entfernt im Computer.

           

Ich kenne einen Mann, der fühlt immer wieder so ein Verlangen in sich auftauchen und immer stärker werden, das richtet sich nicht auf Frauen oder Sex oder Pornos sondern Schokolade und andere Süßigkeiten, so dass er wie getrieben in den nächsten Laden rennt, um sie sich zu holen und dann gierig zu verschlingen. Dieser Mann bin ich.

 

Zum Glück ist diese Sucht nicht so stark, dass ich nicht auch Tage- ja gelegentlich Wochenlang leben könnte ohne Süßigkeiten, aber ich kenne dieses Verlangen recht gut.

Aber einen Erfolg von der Sucht-Front kann ich vermelden:

Ich habe mein ganzes Leben lang gegen das Rauchen angekämpft und jetzt endlich besiegt. Das weiß ich so gut, weil ich seit sieben Jahren fast gar nicht mehr geraucht habe, nur gelegentlich und so selten, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, ich habe es im Griff. Ich will damit nicht prahlen, sondern Hilfestellung geben: Wie kann ich eine Sucht loswerden?

 

Als erstes muss man es auch wirklich wollen. Wenn man es wirklich will, dann wird man darum kämpfen und dieser Kampf ist nicht leicht. Denn da ist ein Teil in einem selbst, das will nicht kämpfen sondern im Gegenteil, das will die Zigarette, das nächste Pornobild, den nächsten Klick, die nächste Ware in die Hand nehmen. Und dieser Teil schreit: Ich will jetzt die Zigarette! Der Schrei wird immer lauter, je mehr man dagegen kämpft, der Schrei steigert sich zu einem ohrenbetäubenden Höhepunkt bis man es nicht mehr aushält und zum nächsten Kiosk oder Zigarettenautomaten rennt und sich selbst befriedigt. Oder man macht es wie Odysseus, der an den singenden und gefährlichen Feen vorbeifährt, indem er sich an den Mast seines Schiffes binden lässt, solange bis er sie nicht mehr hören kann.

 

Man muss also einen Mast finden, an dem man sich binden kann, sonst schafft man es nicht. Ein ehemaliger Freund, der einige Zeit Heroin-süchtig war, erzählte, dass ihn ein Freund auf der Insel Ibiza gegen seinen Willen  in einem einsamen Häuschen eingeschlossen hatte, die wenigen Fenster verrammelt und verschlossen und erst nach drei Tagen wieder mit dem Schlüssel kam. Es war die Hölle, aber genug Zeit, um sich von der Sucht zu lösen.

Dieser Mast kann auch Gott sein. Du kannst Gott jederzeit um Hilfe bitten, um Hilfe flehen und winseln im Sturm der Versuchung, er wird Dir helfen.

Bist du aber zu schwach und meistens bist Du zu schwach und so war auch ich immer wieder zu schwach, vielleicht weil ich, als ich das Rauchen aufgab, noch keinen Gott an meiner Seite hatte, bist du also zu schwach, und fällst in Deine Sucht zurück, dann musst du wissen, dass das ganz normal ist und kein Grund zur Panik.

 

Denn, das bedeutet nicht, dass du jetzt verloren bist und es Dir besser in Deiner Sucht gemütlich einrichtest, weil Du sowieso keine Chance hast, heraus zu kommen. Das bedeutet nur, dass Du eine kleine Pause gemacht hast auf deinem Weg, sie los zu werden.

 

Jetzt kommt der zweite Versuch.

Und vielleicht ein dritter, vierter, fünfter und so weiter Versuch.

Es ist nie zu spät, aufzuhören.

 

Ich habe das Rauchen mindestens zehn Mal aufgegeben. Vermutlich öfters. Und bin immer wieder zurückgefallen, jetzt werde ich nicht mehr zurückfallen. Jetzt bin ich draussen. Weil ich jetzt weiss wie man aufhören kann.

Das Aufhören muss man lernen wie jede andere Kunst auch. Man muss es also üben.

Wie fühlt sich das Aufhören an?

 

Schrecklich.

 

Du hörst wie gesagt ein Baby in Dir schreien, das die Zigarette will und es schreit immer lauter, je mehr Du es nicht hören willst, bis es irgendwann aufgibt zu schreien, wenn Du lange genug durchhältst. Und tatsächlich, irgendwann hört es auf zu schreien.

Bist du ein starker Raucher mit zwanzig bis dreissig Zigaretten am Tag nimmt das Geschrei des Babys nach ungefähr zwei Tagen ab, verklingt am dritten Tag allmählich und ist am vierten kaum mehr zu hören.

Am vierten Tag hörst Du nur noch gelegentlich ein Wimmern

Nach einer Woche wirst Du triumphierend durch die Gegend stolzieren, tief die Luft einsaugen und singen.  Du hast es geschafft.   Kein Baby schreit nirgendwo, Du singst und deine Stimme klingt gut, echt gut, keine Rauchspuren mehr auf deinen Stimmbändern, du fühlst dich frei und stark.  

Rauchst Du bis zu fünfzig Zigareten am Tag musst Du ungefähr einen Tag zu dieser Rechnung hinzuzählen.

 

Aber dann....irgendwann kommen die Rückfälle.

Du triffst deine Kumpels, die rauchen. Die wundern sich und finden dich jetzt ein bisschen komisch, du bist nicht mehr wie sie, irgendwie abseits. Sie bieten Dir Zigarettten an, sie verführen dich, sie hänseln dich, machen sich über dich lustig. Oder allein der Anblick und Geruch der Zigaretten übt einen so starken Reiz auf dich aus, dass du nicht mehr widerstehen kannst.

Das macht Dir auch klar, wen Du vermeiden musst, wenn Du das Rauchen aufgeben willst. Zumindest in der Phase des Aufhörens musst du ein paar Tage lang den Kontakt zu rauchenden Kumpels meiden. Je länger Du sie vermeidest, desto besser, je länger du wartest desto stärker wirst du dich fühlen wenn Du sie wiedersiehst und desto leichter wirst Du der Versuchung widerstehen können.

 

Oder du hast einen Rückschlag, Deine Freundin frustriert Dich, du fühlst dich einsam, eine Frau, die Du begehrst, gibt Dir einen Korb statt ihre Hand, in der Schule, im Job geht etwas schief, Du hast Ärger, Du hast Angst, Du braucht jetzt Trost und Halt. Das ist die Stunde des Babys, es sieht seine Chance, es schreit.

Aber wie gesagt, dann musst du wissen und dich daran erinnern, dass das nur ein Rückfall war auf deinem Weg in die Freiheit und wieder aufhören, immer und immer wieder aufhören.

Bist du nicht mehr aufhören musst, weil du nicht mehr angefangen hast.

 

Und je mehr Du das aufhören übst, desto leichter fällt es, weil Du genau weisst, was passiert: Früher oder später hört das Baby auf zu schreien. Lass es schreien und geh Deinen Weg in die Freiheit!

 

Natürlich hast Du Glück, wenn Du auf diesem Weg den heiligen Geist an deiner Seite hast, dann wird alles viel leichter. Denn er will genau dies: Deine Freiheit.

 

Und wenn Du gegen deine Sucht kämpfst, denke daran:

Seit gut zu Dir selbst!

 

"Erkenne das Mütterliche in Dir. Nimm das verletzte Kind in dir in deine mütterlichen Arme.Gehe mütterlich mit Dir selbst um. Dann brauchst Du nicht Dein Leben lang zu warten, dass Deine Mutter Dir die Worte der Anerkennung und des Lobes sagt, die Du so sehr brauchst. Sei Dir selbst Mutter.Nimm Dich selber liebend in die Arme. Und schenke Dir die Geborgenheit, die das verletzte und verwaiste Kind in Dir braucht. In Dir ist genügend Mütterlichkeit, weil Du teilhast an Gottes mütterlicher Liebe und Kraft."

Anselm Grün, Buch der Lebenskunst, S. 183

 

Das heißt ganz praktisch, stell Dir vor, Du hältst Dich selbst in den Armen wie eine Mutter ihr Kind. Nimm Dir Zeit, Deine Schmerzen zu spüren, Deine Wunden zu spüren und lass die Tränen fließen. Diese Tränen sind Tränen der Liebe, die heilen.

 

Die Sucht und die Droge ist das Monsterbaby, das Deine Seele frißt.

Aber im Grunde Deiner Seele ist Dein eigenes Kind, das Deine Liebe braucht.

 

Nimm es liebevoll in die Arme! Mach den Fernseher aus, damit Du seine Schreie hören kannst. Nimm es in die Arme! Vergib den Menschen, die Dich verletzt haben. Mach Frieden mit ihnen. Tröste Dein inneres Kind, liebe es! Frage Gott um Hilfe, er wird Dir Kraft geben, zu heilen und heil zu werden.

 

Berlin, Frühjahr 2015